teletext & crocs pt. I

das leben ist wie gegen sich selbst tic tac toe spielen und sich dann drüber ärgern, dass man immer verliert. aber vor allem ist das leben, die nummer immer wieder von vorne zu beginnen und sie in vollen zügen zu geniessen.

meine zellennachbarin klopft an die zwischenwand. vor einigen tagen ging das geklopfe schon früher los, immer so kurz nach 8, wie ich dem teletext entnehmen konnte. (wenn es etwas gibt, das ich immer völlig veraltet und unnötig fand, wofür ich jetzt echt dankbar bin, ist es der teletext.) ihre knöchel auf der harten betonwand hatten sich auch schon enthusiastischer angehört. kommunikation ist zwar eine tolle ablenkung, kann aber auch ganz schön weh tun. mir fällt die redewendung « mit den fäusten sprechen » ein. wenigstens tun die schläge nur einem selbst weh. mir fallen noch andere phrasen ein: « sich durchschlagen », « wie ein schlag ins gesicht », « wie die faust aufs auge », und ich muss grinsen als ich mir Asi-Cinderella und den Asi-Prinzen vorstelle, dessen Faust perfekt auf Cindys Auge passt. Ich hab mich durch alle Bitches dieses Landes geboxt und endlich hab ich dich gefunden, Alter. sprache ist schon was tolles. Ach Cinderella, Cindy, hauche ich als Antwort auf die Klopfzeichen und ziehe dabei meine gummilatschen aus, irgendwann wird auch jemand meine roten knasti-crocs aufheben und auf nem pferd durchs land ziehen um mich wiederzufinden. Im schneidersitz hocke ich nun auf dem bett und lasse meine nachbarin noch eine runde klopfen.

„ey, na alles klar? hast mich nicht klopfen gehört gestern?“ „ne, musst schon lauter klopfen bei den dicken wänden hier“

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Eine Fahrt mit Fremden Teil 1

“Ist der Platz noch frei?”, fragt die Fremde, die soeben neben mir aufgetaucht ist. “Ja”, antworte ich mit einem kurzen Nicken in ihre Richtung. Ein Lächeln huscht über ihre Lippen, dann huscht es an ihr vorbei und der Passagier ein Abteil weiter lächelt einen Bruchteil einer Sekunde lang, bevor er erschrocken zusammenzuckt. Woher zum Teufel kam das jetzt? Genervt schüttelt er den Kopf und holt eine Zeitung hervor. Anja sitzt nun neben mir. Ich kenne die Fremde zwar nicht, dachte aber der Name würde zu ihr passen. Plötzlich fällt mir die fiese Anja aus dem Kindergarten ein, die alle Kinder aus Spass mit Sand bewarf. “Wissen Sie was”, fange ich an und blicke unsicher zu meiner neuen Sitznachbarin Anja, “ich hab’s mir anders überlegt. Der Platz ist irgendwie doch nicht so frei.” Sie klemmt sich ihre Tasche unter den Arm und begibt sich entschuldigend ein Abteil weiter.

Die Stimme der Zugdurchsage ertönt und kündigt die nächste Haltestelle an. Mitten drin gesellt sich ein raspelndes Geräusch dazu und ich blicke neugierig auf. Der Mann vor mir legt Spitzer und Bleistift beiseite und murmelt enttäuscht. “Schon wieder verwechselt. Ohren spitzen, nicht Stift. Dieses Mal war ich so nah dran.” Er wischt die Überreste vom Zugtischchen in den Mülleimer darunter und starrt nachdenklich auf seinen nun spitzen Bleistift. Einen tiefen Seufzer später zückt er sein Notizbuch. Sein kleines, schwarzes Notizbuch war zerfleddert und so fleckig, als verschütte er täglich seinen Kaffee darauf. “Trinken Sie gerne Kaffee?”, platzt es aus mir heraus. “Ja bitte, mit Milch und Zucker.” Ich schaue hilfesuchend um mich, als ein bärtiger Mann grinsend eine silberne Karaffe aus seinem Rucksack zückt. “Ich wusste es! Ich hatte heute morgen so eine Ahnung.” Er giesst grosszügig dampfenden Kaffee in einen Pappbecher, den er ebenfalls aus seinem Rucksack zog und lehnt sich hinüber zum Bleistiftmann. Ich vergebe vorerst keine Namen mehr. “Vorsicht, heiss!”, warnt er und grinst dabei zufrieden. Ich atme auf.

Die Fremde, die einen anderen, freien Platz gefunden hatte, winkt mir fröhlich mit beiden Händen zu. “Hab ‘ne super Aussicht von hier.” Halbherzig winke ich zurück und wende meinen Blick wieder zum Fenster. In diesem Moment reisst der Kontrolleur die Tür auf. Nun, anfangs wusste ich nicht, dass sich hinter dem Mann ein Kontrolleur verbarg. Erst als er den riesigen Hut von seinem Kopf zog und schrie “Ha! Kontrolle!”, da dämmerte es mir. Der Hutlose schlendert von links nach rechts durch den Wagen und mustert die Fahrgäste mit zugekniffenen Augen. Als er vor dem Abteil anhält, in dem Bleistiftmann und ich (ohne die fiese Anja) sitzen, mustert er mich besonders misstrauisch.

“Schauen Sie aus dem Fenster oder das Fenster an?” Anstelle einer Antwort falte ich mein Ticket zu einem Papierflugzeug und lasse es in seine Richtung fliegen. Geschickt fängt er das Flugobjekt mit zwei Fingern auf und seine Augen verengen sich erneut zu Schlitzen. Ohne meine Konstruktion zuerst zu würdigen, demoliert er sie mit seinen dicken Fingern und drückt seinen Stempel drauf. “Das Ticket ist gültig aber Sie brauchen hier eine Flugbewilligung.” Der Kaffeemann, der unterdessen angefangen hat, Kaffee an weitere Fahrgäste auszuhändigen, schnappt hörbar nach Luft. Der Bleistiftmann verschüttet vor Schreck seinen Kaffee.