Das Verhör

“Ich…ich weiss es nicht.» Mit dieser Antwort wird er sich niemals zufriedengeben. Seines verstörten Blickes zufolge, scheint er innerlich um Fassung zu ringen.

Den kurzen Aussetzer überstanden, erinnert er sich seiner Zielsetzung und formuliert seine Frage geschickt um: «Worauf hättest du denn Lust, Schatz?» Stolz auf seine neue Strategie, grinst er selbstgefällig. Ich schlucke und bleibe regungslos auf meinem Stuhl sitzen, wobei ihm jeglicher Ausdruck von Zufriedenheit aus dem Gesicht weicht.

Ohne sich seinen heranbahnenden Tobsuchtanfall anmerken zu lassen, lehnt er sich tiefer in den Sessel und verschränkt die Arme hinter seinem Kopf. Sein Blick schweift in die Ferne, als sein linkes Auge plötzlich zu zucken beginnt. Ohne Vorwarnung schiesst er aus seinem Sessel empor, greift mit einer Hand an den Lampenschirm und schwenkt ihn in meine Richtung. Kurzzeitig geblendet, versuche ich durch Blinzeln meine Sicht wiederzuerlangen.
Die Lampe befindet sich nur noch wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Durch das grelle Licht hindurch, erkenne ich, wie sich seine Augen zu Schlitzen verengen. Ich starre ihn voller Entsetzen an. Was habe ich bloss getan? Seine Arme sind zu Fäusten geballt und er wiederholt seine Worte klar und deutlich: «Wo willst du heute essen?»

Nach zehn Minuten Verweigerung jeglicher Aussage, verliert er die letzten Überreste seiner kläglichen Selbstbeherrschung und fängt an zu schreien: «McDonalds? Santa Lucia? Rössli? Vapiano? Yooji’s? Sushi…ist es das, was du willst? Du willst doch immer Sushi?» Er verfällt in ein entsetzliches Gelächter. Das war’s. Ich habe ihn gebrochen. Dieses Mal bin ich zu weit gegangen.

Er rennt in die Küche und kehrt mit etlichen kleinen Zetteln zurück. Das Gelächter gleicht nun mehr einem quälenden Keuchen. «Hier! Wir haben noch Burger King Coupons!» Er wedelt mit einem Crispy Chicken unter meiner Nase herum. «20% günstiger mit einem Softdrink deiner Wahl! Ist das nicht der Wahnsinn?»
Die Ader auf seiner Stirn fängt an, bedrohlich zu pochen und wenige Sekunden später sackt er regungslos in sich zusammen. Ich hole tief Luft. Meine Stimme zittert, als ich zur Antwort ansetze, doch ich kann meine Angst überwinden: «Das Rössli hat montags geschlossen.»

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