“Nur eine Phase”

Jeder kennt ihn, den Dauerbrenner im Einsatz gegen die experimentelle Entfaltung heranwachsender Teenies. Die Kriegserklärung im Gefecht um die belächelte Selbstfindung der Pubertätsgeplagten.

«Das ist nur eine Phase.»

Jedoch greifen Eltern nicht nur bei modischen Fehlgriffen zu diesem äusserst bequemen Urteil, sondern auch im Zusammenhang mit der psychischen Gesundheit ihrer Kinder. Ich habe über diese Reaktion «Ach, mach dir keine Sorgen, das ist nur eine Phase» nachgedacht.

Die Sinnlosigkeit dahinter fiel mir erst auf, als mir bewusst wurde, dass physische Schmerzen auch zeitlich begrenzt sind. Macht sie das ungültig? Jedes Gefühl, ob positiv oder negativ, ist temporär. Aber bei einer Verbrennung rät dir keiner: «Hey, stell dir doch einfach vor, wie es sich anfühlt, keine Verbrennung zu haben» oder mein Favorit: «Denk doch einfach positiver.» Ein negatives Gefühl zu ignorieren, lässt es nicht verschwinden. Genau so wenig, wie ich mir eine Verbrennung mit Optimismus weg-freuen kann.

Ausserdem ist die «Phase» ein sehr vage definierter Zeitraum (nicht einmal Wikipedia bietet dafür eine Zeitangabe an, was meine Recherchen beendet). Wie lange hält denn eine solche Phase an? Basiert die Berechnung auf genetischem Code und meiner individuellen Anpassungsfähigkeit (à la survival of the fittest)? Und was, wenn die Phase zu Ende ist, man aber einen Rückfall erleidet? Ist das dann ein Comeback der Phase 1 oder das schlechte Sequel «Phase 2»?

Was mich zu weiteren Denkanstössen führt: Kann man von zwei Phasen gleichzeitig betroffen sein (oder grenzt das an Schizophrenie)? Kann eine Phase kommen und gehen, so dass ein ganzes Leben aus einer einzigen wehen-ähnlichen Schmerzensphase besteht?

Wenn also das Leben eine Aneinanderreihung von Limited-Edition-Phasen ist, ist eine Phase vielleicht mehr als «nur eine Phase»?

Advertisements

2 Comments

  1. Mir gefällt die Art wie du dich mit pseudo-padägogischen Ausdrücken und ihrer Sinnlichkeit auseinandersetzt. Das man mehrere Phasen gleichzeitig durchleben kann, scheint für mich kein Ausdruck einer Geisteskrankheit zu sein, viel mehr eine Einsicht, das nicht alles so einfach ist wie es vielleicht vorerst zu scheinen mag. Der Mensch glaubt immer alles fassen zu müssen, vergisst dabei aber wie unglaublich das Unfassbare ist. Gerne erinnere ich dich an die “Phase” als du deinen ersten “Psychologie”- Unterricht besucht hast. Hat dir da dein Lehrer nicht beigebracht das Schizophrenie als solche nur ein Ausdruck etwas viel Grösserem ist? Ganz ähnlich wie bei deinem philosophieren hier. Nur das man es dort wohl nicht bei einem “Ist ja nur eine Phase” belassen sollte, aber das ist wohl auch nicht mehr als eine Phrase.

    • Diese Pseudo-Analyse ist mit einem ironischen Unterton zu lesen. Ich bezeichne die “Phasen” weder als Geisteskrankheit, noch sind psychische Störungen wie Schizophrenie für mich negativ konnotiert. Dass alles nicht so einfach ist, wie es vorerst scheinen mag, dem stimme ich dir zu!

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s