«Das Schlimmste am Spielen ist die Scham danach.»

«Ich bin ein Idiot. Ich habe mein ganzes Geld bei Online-Glücksspielen verloren.» Die Aussage des Mannes – wir nennen ihn Daniel* – überrascht im ersten Moment. Er ist Mitte 30, sportlich, weit gereist, und Chef eines kleinen Teams in der Versicherungsbranche.


Bloss nichts anmerken lassen

«Das Schlimmste am Spielen ist die Scham danach. Du wachst am Morgen auf und realisierst, dass du letzte Nacht dein ganzes Geld verspielt hast. Bei der Arbeit darfst Du dir nichts anmerken lassen. Und gegenüber Freunden willst du dir nichts anmerken lassen.» Geschichten wie diese kennt Franz Eidenbenz nur allzu gut. Er ist Psychologe und Leiter für Behandlung beim Zentrum für Spielsucht in Zürich (Radix).

Internetspiele rund um die Uhr

Über 130 Fälle von Spielsucht werden momentan behandelt, etwa ein Drittel der Betroffenen ist süchtig nach Internetspielen. «Online-Glücksspiele sind besonders risikoreich, weil man sie nicht nur auf dem Computer, sondern auch auf dem Smartphone unauffällig, jederzeit und ortsunabhängig spielen kann», sagt Eidenbenz.

120 000 Betroffene

Das Problem ist grösser, als gemeinhin angenommen wird: Gemäss Studien zeigen in der Schweiz mehr als 120’000 Personen ein problematisches Spielverhalten.  Angefangen hat Daniels Spielsucht vor rund drei Jahren. «Sich online zu registrieren und dann um Geld zu spielen war verlockend einfach.»

Er gewann innert weniger Tage mehrere 1000 Franken: «Leider hat mich das Glück nachher verlassen.»

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Nichts geht mehr: Spielsucht-Kampagne 2016 (Bild: http://www.sos-spielsucht.ch)

Einige Wochen später hatte sich ein Verlust von über 100’000 Franken angehäuft. Da wandte er sich ein erstes Mal an die Suchtberatung.

 

«Spielsüchtige
sind sehr kreativ
im Lügen»

«Wenn ich meinen Lohn verspielt hatte, war ich schon zu Beginn des Monats pleite» sagt Daniel. Dann schlug sich der Geschäftsmann jeweils mit gratis Firmenapéros durch, liess sich Spesen gutschreiben oder hungerte sogar.

Vor allem Angehörige leiden massiv unter einer Glücksspielsucht. Anzeichen sind in erster Linie Geldprobleme, diese allerdings werden von den Betroffenen in der Regel geschickt versteckt. «Spielsüchtige sind sehr kreativ im Lügen», sagt Eidenbenz.

Einsicht – der erste Schritt zur Besserung

Von der Sucht wegzukommen sei ein komplizierter Prozess, sagt Eidenbenz: «In der Behandlung wird klar, dass verschiedene Probleme zum Spielen geführt haben. Diese Menschen fühlen sich häufig nicht geliebt, ungerecht behandelt oder sie können nicht mit Konflikten umgehen.»

Sich professionelle Hilfe zu holen, sei bereits ein grosser Schritt, so Eidenbenz. Daniel hatte schon früh eine Selbsthilfegruppe besucht – allerdings ohne Erfolg. Er ist überzeugt, dass er das Problem selber in den Griff bekommt: «Auf diese Weise Geld zu verlieren ist so dumm, da muss ich doch einfach damit aufhören.»

Seit inzwischen 6 Monaten spielt er nun nicht mehr und hofft, dass es dabei bleibt. Er plant im Sommer endlich wieder einmal längere Ferien.

*Name geändert

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